Einschulung bei hochsensiblen Kindern – was unserer Tochter wirklich geholfen hat ♡

Die Einschulung ist ja eigentlich etwas, worauf man sich als Familie freut. Die Schultüte wird ausgesucht, der Schulranzen steht irgendwann im Kinderzimmer und überall hört man: „Jetzt bist du bald ein Schulkind!“
Bei uns war neben der Vorfreude aber auch ganz schön viel Unsicherheit dabei.
Unsere Tochter war schon immer ein Kind, das neue Situationen erst einmal beobachtet hat. Viele Menschen, Lautstärke, Veränderungen oder unbekannte Abläufe konnten sie schnell überfordern. Und je näher die Einschulung rückte, desto öfter habe ich mich gefragt:
Ist sie wirklich schon bereit dafür?
Nicht: Kann sie ihren Namen schreiben? Kennt sie Zahlen?
Interessiert sie sich für Buchstaben?
Sondern wirklich: Ist sie innerlich bereit für Schule?
Rückblickend bin ich unglaublich froh, dass wir auf dieses Gefühl gehört haben.
Unsere Tochter wurde erst mit sieben eingeschult
Mit sechs Jahren war sie für uns einfach noch nicht so weit.
Das hatte überhaupt nichts damit zu tun, dass sie nicht neugierig gewesen wäre oder nicht lernen wollte.
Aber wenn ich mir vorgestellt habe, wie viel Kraft sie ein normaler Schulvormittag mit all den neuen Kindern, Geräuschen, Regeln und Erwartungen kosten würde, hatte ich einfach kein gutes Gefühl dabei.
Wir haben uns deshalb dafür entschieden, sie zurückstellen zu lassen.
Natürlich macht man sich bei so einer Entscheidung Gedanken.
Ich zumindest habe sie mir gemacht.
Tun wir ihr damit wirklich etwas Gutes? Was ist, wenn sie sich später langweilt? Was sagen andere dazu? Und vielleicht würde sie es ja doch schaffen?
Heute sehe ich das viel entspannter.
Wir haben ihr kein Jahr „weggenommen“. Wir haben ihr ein Jahr geschenkt.
Ein Jahr, in dem sie noch ein bisschen selbstständiger werden konnte. Ein Jahr, in dem sie emotional unglaublich viel entwickelt hat. Und vor allem ein Jahr, in dem sie Sicherheit gewinnen durfte.
Als die Einschulung dann tatsächlich kam, war mein Gefühl ein ganz anderes.
Nicht mehr dieses:
„Hoffentlich schafft sie das irgendwie.“
Sondern:
„Ja. Jetzt passt es.“
Und dieser Unterschied war für mich riesig.
Der Schulkindergarten war für sie genau die richtige Zwischenstufe
Dieses zusätzliche Jahr hat unsere Tochter in einem Schulkindergarten verbracht,
in dem nur Vorschulkinder waren.
Für sie war das wirklich eine tolle Lösung.
Es war irgendwie schon ein kleiner Schritt weg vom normalen Kindergarten, aber eben noch nicht gleich die große Schule. Sie gehörte schon zu den „Großen“, durfte sich weiterentwickeln und auf die Schule vorbereiten, ohne sofort alles leisten zu müssen, was ein Schulkind leisten soll.
Ich glaube, genau diese Zwischenstufe hat ihr sehr gutgetan.
Und deshalb würde ich Eltern, die gerade vor einer ähnlichen Entscheidung stehen, wirklich empfehlen, sich einmal umzuschauen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Manchmal gibt es viel mehr Wege als nur „jetzt einschulen“ oder „noch ein Jahr ganz normaler Kindergarten“.
Schulreife ist für mich heute viel mehr als Buchstaben und Zahlen
Vor der Einschulung redet jeder darüber, was ein Kind schon kann.
Kann es bis 20 zählen? Kann es seinen Namen schreiben? Erkennt es Buchstaben?
Das sind natürlich alles schöne Fähigkeiten. Mir war allerdings mindestens genau so wichtig.
Wie gut kommt mein Kind in einer Gruppe zurecht? Traut es sich, einen Erwachsenen um Hilfe zu bitten? Wie geht es damit um, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt? Kann es sich von mir lösen? Wie verkraftet es Veränderungen?
Und eine Frage finde ich bei sensiblen Kindern besonders wichtig:
Wie viel Kraft kostet mein Kind eigentlich ein ganz normaler Vormittag?
Denn ein Kind kann im Kopf längst bereit für die Schule sein und trotzdem emotional noch sehr viel Energie dafür brauchen, all das zu verarbeiten, was dort jeden Tag passiert.
Das habe ich bei unserer Tochter immer wieder gemerkt.
Ich würde mir heute die Schule genauso genau anschauen wie mein Kind
Früher dachte ich bei Grundschule ehrlich gesagt hauptsächlich:
Man geht eben auf die Schule, die zuständig ist. Heute sehe ich das anders.
Denn nicht nur das Kind muss irgendwie zur Schule passen.
Die Schule sollte auch zum Kind passen.
Unsere Tochter besucht heute eine Schule mit Flex-Klassen und ich persönlich finde dieses Konzept gerade für sensible oder gefühlsstarke Kinder sehr schön.
Die Kinder sind nicht alle exakt am gleichen Entwicklungsstand und müssen auch nicht im gleichen Tempo lernen. Dieses „Du darfst deinen eigenen Weg gehen und musst nicht genau dann so weit sein wie alle anderen“ gefällt mir daran besonders.
Das heißt natürlich nicht, dass eine Flex-Klasse automatisch für jedes sensible Kind die beste Lösung ist. Kinder sind dafür viel zu unterschiedlich.
Aber ich würde mir Schulen heute wirklich anschauen und Fragen stellen.
Wie groß sind die Klassen? Wie wird mit Kindern umgegangen, die etwas länger brauchen? Gibt es feste Bezugspersonen? Wie viel Ruhe gibt es im Schulalltag?
Was passiert, wenn ein Kind überfordert ist? Wie eng arbeiten Eltern und Lehrkräfte zusammen?
Und ich würde auch ein bisschen auf mein Bauchgefühl hören.
Manchmal betritt man einen Ort und denkt einfach:
Hier könnte mein Kind gut aufgehoben sein.
Vor der Einschulung würde ich weniger „Schule spielen“ sondern mehr Alltag üben
Ich glaube, wir Eltern haben schnell das Gefühl, wir müssten unsere Kinder vor der Schule noch möglichst gut vorbereiten.
Noch ein bisschen Zahlen üben. Den Namen schreiben.
Vielleicht schon erste Wörter lesen.
Dabei sind es manchmal ganz andere Dinge, die einem Kind den ersten Schultag leichter machen.
Wir können den Schulweg vorher gemeinsam laufen. Das Schulgebäude anschauen. Vielleicht schon einmal auf dem Pausenhof stehen und überlegen, wo später Mama oder Papa warten.
Der Schulranzen kann zuhause in Ruhe ausprobiert werden. Die Brotzeitdose sollte das Kind selbst aufbekommen und auch die Trinkflasche sollte nicht ausgerechnet am ersten Schultag zum großen Rät
Auch Jacke und Schuhe selbst anziehen oder wissen, wo die eigenen Sachen hingehören, gibt Sicherheit.
Für uns Erwachsene sind das winzige Kleinigkeiten.
Aber wenn für ein Kind sowieso schon alles neu ist, ist jede Sache, die es bereits kennt, eine neue Sache weniger im Kopf.
Überlegt vorher gemeinsam:
„Was mache ich, wenn …?“
Das finde ich gerade bei vorsichtigen Kindern richtig hilfreich.
Was mache ich, wenn ich etwas nicht verstehe?
Was mache ich, wenn ich Mama vermisse?
Was mache ich, wenn es mir zu laut wird?
Was mache ich, wenn ich Hilfe brauche, mich aber nicht traue, vor der ganzen Klasse etwas zu sagen?
Für genau so eine Situation haben wir mit der Lehrerin unserer Tochter übrigens eine Lösung gefunden, die ich bis heute richtig schön finde.
Unsere Tochter hat ein kleines Kuscheltier. Wenn es ihr nicht gut geht oder sie Hilfe braucht und es gerade nicht schafft, das vor der ganzen Klasse zu sagen, darf sie ihr Kuscheltier auf den Schreibtisch stellen.
Die Lehrerin weiß dann Bescheid und kann zu ihr kommen.
So muss unsere Tochter nicht erst allen Mut zusammennehmen, sich melden und vor der Klasse erklären, was los ist.
Und allein zu wissen:
„Ich habe eine Möglichkeit, wenn es mir zu viel wird.“
kann schon unglaublich viel Sicherheit geben.
Vielleicht ist es bei eurem Kind kein Kuscheltier. Vielleicht gibt es ein anderes Zeichen, das ihr gemeinsam mit der Lehrkraft vereinbaren könnt.
Ich finde nur den Gedanken dahinter so wertvoll:
Ein Kind muss nicht erst völlig überfordert sein, bevor jemand merkt, dass es Unterstützung braucht.
Die Lehrerin darf ruhig ein bisschen über
euer Kind wissen
Ich würde einer Lehrkraft auch nicht einfach nur sagen:
„Meine Tochter ist hochsensibel.“
Denn damit weiß sie im Zweifel noch gar nicht, was sie konkret damit anfangen soll.
Viel hilfreicher finde ich:
„Wenn es sehr laut wird, braucht sie manchmal kurz Ruhe.“
„Sie meldet sich nicht unbedingt, wenn sie Hilfe braucht.“
„Neue Situationen beobachtet sie erst einmal.“
Und dann direkt dazu:
„Das hilft ihr in solchen Momenten.“
Das ist keine lange Bedienungsanleitung und das Kind bekommt auch keinen Stempel aufgedrückt.
Die Lehrerin bekommt einfach ein paar Informationen, mit denen sie das Verhalten des Kindes besser einordnen kann.
Und ich finde, genau da kann eine richtig schöne Zusammenarbeit entstehen.
Die Lehrkraft kennt Schule und Unterricht.
Und wir kennen unser Kind.
Nach der Schule darf erst einmal gar nichts passieren
Das würde ich heute wirklich groß auf meine persönliche Einschulungsliste schreiben.
Gerade die ersten Wochen sind sooo unglaublich viel.
Neue Kinder, neue Räume, Regeln, Geräusche, Unterricht, Pausenhof, Schulweg, Hausaufgaben – und nebenbei versucht ein kleines Kind herauszufinden, wie diese komplett neue Welt eigentlich funktioniert.
Deshalb würde ich die Nachmittage am Anfang möglichst ruhig halten.
Nicht jeden Tag noch Verabredungen, Sport und Termine.
Vielleicht möchte das Kind nach der Schule erst einmal etwas essen und erzählen.
Vielleicht möchte es überhaupt nicht erzählen.
Vielleicht will es schaukeln, malen, ein Hörspiel hören oder sich einfach aufs Sofa kuscheln.
Und vielleicht kommt wegen einer absoluten Kleinigkeit plötzlich ein riesiger Wutanfall.
Das muss nicht heißen, dass in der Schule etwas Schlimmes passiert ist.
Manchmal hat ein Kind den ganzen Vormittag unglaublich viel geschafft und sich zusammengenommen – und zuhause, wo es sich sicher fühlt, kommt einfach alles raus.
Dann darf der Akku erst einmal wieder voll werden. ♡
Und fragt vielleicht nicht sofort: „Wie war die Schule?“
Das musste ich auch erst lernen.
Man wartet gespannt auf sein Kind und möchte natürlich ALLES wissen.
„Wie war's? Was habt ihr gemacht? Mit wem hast du gespielt? War die Lehrerin nett? Was gab's in der Pause?“
Und als Antwort kommt:
„Gut.“
Ende der Berichterstattung.
Bei uns kommen die interessanten Dinge oft viel später.
Beim Autofahren. Beim Malen. Beim Kuscheln. Oder abends im Bett.
Und manchmal helfen kleinere Fragen besser:
„Was war heute richtig schön?“
„Gab es etwas, das heute schwierig war?“
„Wann musstest du heute lachen?“
Aber auch da habe ich gelernt: Manchmal einfach nichts fragen.
Wenn etwas raus möchte, kommt es oft irgendwann von ganz allein.
Vergleicht euer Kind nicht mit den anderen Schulanfängern
Das ist schwer. Wirklich.
Das eine Kind liest schon ganze Bücher. Das nächste schreibt Sätze. Ein anderes marschiert am ersten Schultag in die Schule, dreht sich noch einmal kurz um und ruft fröhlich „Tschüss!“.
Und das eigene Kind steht vielleicht daneben und hält die eigene Hand so fest, dass man denkt, die Finger werden gleich blau.
Das sagt aber so wenig darüber aus, wie die nächsten Jahre laufen werden.
Kinder entwickeln sich einfach unterschiedlich.
Unsere Tochter brauchte an manchen Stellen mehr Zeit.
Und genau diese Zeit hat bei ihr unglaublich viel verändert.
Eine spätere Einschulung war für uns kein Rückschritt ♡
Ich weiß, wie viele Gedanken man sich darüber machen kann.
Gerade wenn andere Kinder aus dem Kindergarten eingeschult werden und das eigene Kind noch bleibt.
Bei uns war dieses zusätzliche Jahr aber genau richtig.
Unsere Tochter brauchte damals nicht noch mehr Förderung oder noch mehr Vorbereitung.
Sie brauchte vor allem Zeit.
Und die hat sie bekommen.
Das heißt natürlich überhaupt nicht, dass jedes sensible Kind später eingeschult werden sollte. Genauso wenig ist eine Flex-Klasse automatisch für jedes Kind die richtige Wahl.
Aber ich würde heute viel weniger danach entscheiden, was ein Kind in einem bestimmten Alter „eigentlich können müsste“.
Ich würde viel genauer auf dein Kind schauen.
Wie geht es ihm?
Was kann es schon gut?
Was kostet noch unglaublich viel Kraft?
Und was würde ihm helfen, damit Schule nicht einfach nur irgendwie funktioniert, sondern sich irgendwann wirklich gut anfühlen kann?
Vielleicht muss ein Kind nicht schneller werden – sondern einfach bereit sein dürfen ♡
Wenn ihr gerade selbst vor der Einschulung steht und euch tausend Gedanken macht, kann ich euch natürlich nicht sagen, welcher Weg für euer Kind der richtige ist.
Aber ich kann euch sagen, was ich aus unserem Weg mitgenommen habe:
Schaut nicht nur auf das Geburtsdatum.
Schaut nicht ständig auf die anderen Kinder.
Und schaut auch nicht nur darauf, was euer Kind schon weiß und kann.
Schaut auf euer Kind als Ganzes.
Vielleicht ist es längst bereit.
Vielleicht braucht es an einer bestimmten Stelle noch Unterstützung.
Und vielleicht braucht es einfach noch ein bisschen Zeit.
Für unsere Tochter war dieses zusätzliche Jahr kein Umweg.
Es war genau die Brücke, die sie gebraucht hat. ♡



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