Unser Kindergartenstart mit einem sensiblen Kind – warum wir beim ersten Mal abgebrochen haben

Ich weiß noch genau, wie viele Gedanken ich mir damals gemacht habe, bevor unsere Tochter in den Kindergarten kommen sollte.
Während andere Kinder auf dem Spielplatz einfach losliefen und irgendwo mitspielten, war sie schon immer eher diejenige, die erst einmal geschaut hat. Wenn viele andere Kinder da waren, wollte sie manchmal gar nicht auf den Spielplatz. Alleine rutschen? Keine Chance.
Neue Menschen, Lärm, viele Kinder und Situationen, die sie noch nicht kannte, waren für sie einfach anstrengend.
Und dann sollte genau dieses kleine Mädchen plötzlich jeden Vormittag ohne mich in einem Raum voller Kinder bleiben.
Ich konnte mir das ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen.
Ich habe mich damals immer wieder gefragt:
Wie soll sie das nur schaffen?
Heute würde ich mir diese Frage gar nicht mehr stellen.
Heute würde ich fragen:
Was braucht sie, damit sie es schaffen kann?
Dazwischen liegen ein paar Jahre – und leider auch eine erste Kindergarteneingewöhnung, an die ich bis heute nicht gerne zurückdenke.
Unser erster Versuch mit drei Jahren
Unsere Tochter war drei Jahre alt, als wir den ersten Versuch gestartet haben. Es war mitten in der Corona-Zeit und allein dadurch waren die Bedingungen schon schwierig. Viele Erwachsene trugen Masken, Gesichter waren halb verdeckt und gerade für ein Kind, das Menschen erst einmal ganz genau beobachtet, war das natürlich alles andere als ideal.
Trotzdem dachte ich damals: Andere Kinder schaffen das ja auch. Das wird schon.
Aber eigentlich hatte ich schon in den ersten Tagen kein gutes Gefühl.
Es gab nicht dieses langsame Ankommen, das ich mir irgendwie vorgestellt hatte. Kein richtiges Kennenlernen und auch nicht viel Zeit, damit unsere Tochter erst einmal Vertrauen zu den neuen Menschen aufbauen konnte.
Schon am zweiten Tag sollte ich gehen.
Ich weiß noch, dass ich das ziemlich schnell fand. Aber es war mein erstes Kind und meine erste Eingewöhnung. Ich hatte ja keine Ahnung, wie so etwas „normalerweise“ läuft.
Also dachte ich mir:
Die machen das jeden Tag. Die werden schon wissen, was richtig ist.
Heute weiß ich, dass mein eigenes Gefühl dabei mindestens genauso wichtig gewesen wäre.
Am dritten Tag wollte sie nicht einmal mehr aus
dem Auto
Das ist einer dieser Momente, die ich wahrscheinlich nie vergessen werde.
Wir kamen am Kindergarten an und sie wollte nicht aussteigen.
Nicht ein bisschen quengeln oder „Mama, ich will heute nicht“.
Sie wollte wirklich nicht hinein.
Als wir schließlich vor dem Gebäude standen, lief sie sogar noch einmal davon.
Eigentlich hätte mir spätestens da klar sein müssen, wie groß ihre Angst inzwischen war.
Aber ich dachte immer noch, dass wir da jetzt irgendwie durchmüssen. Dass es vielleicht schlimmer wird, wenn ich nachgebe. Dass die Erzieherinnen mehr Erfahrung haben als ich.
Also gingen wir hinein.
Bis in einen kleinen Nebenraum vorne schaffte sie es. Weiter wollte sie nicht. Der Gruppenraum war ihr zu viel.
Ich blieb bei ihr.
Und irgendwann sagte eine Erzieherin sinngemäß zu mir, dass ich auch gleich gehen könne, wenn unsere Tochter nicht mit nach vorne käme, solange ich dabei sei.
Und ich ging tatsächlich.
Nicht, weil ich dachte: Ja, das fühlt sich richtig an.
Ganz im Gegenteil.
Ich war einfach völlig überrumpelt. Und irgendwo in meinem Kopf war immer noch dieser Gedanke:
Sie ist die Erzieherin. Sie weiß bestimmt besser als ich, was ich jetzt machen soll.
Und dann stand ich draußen und hörte mein Kind nach mir schreien
Allein wenn ich das heute schreibe, zieht sich bei mir noch etwas zusammen.
Unsere Tochter geriet völlig in Panik.
Sie lief zur Tür, schrie nach mir und hämmerte von innen dagegen.
Und ich?
Ich stand draußen vor dieser Tür und habe geweint.
Ich konnte mein Kind hören. Ich wusste ganz genau, dass sie gerade nicht einfach ein bisschen traurig war, weil Mama gegangen war. Sie hatte richtig Angst.
Und trotzdem bin ich nicht sofort wieder hineingegangen.
Ich habe ungefähr 15 Minuten draußen gestanden.
15 Minuten können verdammt lang sein, wenn man sein eigenes Kind nach sich rufen hört.
Irgendwann hörte ich drinnen auch niemanden mehr, der versucht hätte, sie zu beruhigen.
Und da war Schluss.
Ich konnte es nicht mehr.
Ich klingelte, ging wieder hinein und brach die Eingewöhnung ab.
Danach wurde mir sogar noch das Gefühl gegeben, dass meine Reaktion ein Teil des Problems sei.
Aber da war mir das irgendwann egal.
Ich wusste nur noch:
So machen wir das nicht weiter.
Also durfte sie einfach noch einmal klein sein ♡
Wir haben sie am nächsten Morgen nicht wieder hingebracht.
Und auch nicht eine Woche später.
Wir haben aufgehört.
Das war damals gar keine so leichte Entscheidung. Natürlich kamen die Gedanken: Vielleicht hätten wir länger durchhalten müssen. Vielleicht machen wir es beim nächsten Versuch nur noch schwieriger. Andere Kinder gehen mit drei doch schließlich auch in den Kindergarten.
Aber unser Kind war eben nicht „die anderen Kinder“.
Unsere Tochter war drei.
Und sie war noch nicht so weit.
Also beschlossen wir, ihr etwas zu geben, von dem ich heute weiß, wie wertvoll es für sie war:
Zeit.
Ein ganzes Jahr.
Kein neuer Versuch ein paar Wochen später. Kein „Da muss sie jetzt durch“. Kein Trainieren darauf, dass Mama eben irgendwann geht.
Sie durfte einfach noch ein Jahr älter werden.
Und dieses eine Jahr hat unglaublich viel verändert.
Nicht plötzlich ihre Persönlichkeit. Sie war mit vier natürlich immer noch unser vorsichtiges, sensibles Mädchen.
Aber sie war ein Jahr reifer. Ein bisschen selbstständiger. Konnte sich besser ausdrücken und hatte einfach ein bisschen mehr Sicherheit in sich selbst.
Und dann haben wir es noch einmal versucht.
Diesmal in einem Montessori-Kindergarten.
Und obwohl es natürlich immer noch nicht einfach war, fühlte es sich von Anfang an komplett anders an.
Dieses Mal musste niemand beweisen, wie schnell Mama gehen kann
In den ersten zwei Wochen war ich komplett dabei.
Und allein das hat so viel verändert.
Unsere Tochter musste nicht gleichzeitig einen neuen Ort kennenlernen, fremden Erwachsenen vertrauen, sich an all die Kinder gewöhnen und damit klarkommen, dass Mama plötzlich weg ist.
Sie durfte erst einmal einfach da sein.
Sie hat beobachtet.
Und wer unser Kind kennt, weiß: Beobachten ist bei ihr keine Zeitverschwendung. Das ist ihre Art herauszufinden, ob eine Situation für sie sicher ist.
Sie schaute sich an, was die anderen Kinder machten. Wie der Vormittag ablief. Wo ihre Sachen waren. Wer wann wohin ging.
Und sie konnte die Menschen kennenlernen, während ich noch da war.
Niemand stand daneben und schaute auf die Uhr.
Niemand sagte nach zwei Tagen: Jetzt muss Mama aber langsam gehen.
Sie bekam die Zeit, die sie brauchte.
Und sie hatte einen Menschen, der für sie
zuständig war
Etwas anderes war für unsere Tochter mindestens genauso wichtig: Sie hatte eine feste Erzieherin als Bezugsperson.
Nicht fünf neue Erwachsene, bei denen sie irgendwie selbst herausfinden musste, zu wem sie gehen kann.
Da war erst einmal eine Person.
Ein Gesicht, das immer vertrauter wurde. Eine Stimme, die sie kennenlernte. Jemand, bei dem sie Stück für Stück merkte:
Okay. Wenn Mama irgendwann nicht hier ist, kann ich zu dir gehen.
Und genau das war beim ersten Versuch nie entstanden.
Damals sollte die Trennung funktionieren, bevor überhaupt jemand da war, zu dem unsere Tochter eine richtige Beziehung aufgebaut hatte.
Beim zweiten Mal war es andersherum.
Erst kam die Beziehung. Dann die Trennung.
Irgendwann ging ich zum ersten Mal
Nach ungefähr zwei Wochen begannen wir mit den ersten kurzen Trennungen.
Und auch die wurden nicht einfach über ihren Kopf hinweg entschieden.
Die Erzieherin und ich haben vorher miteinander gesprochen. Wir haben geschaut, wie es unserer Tochter an diesem Tag ging und ob wir beide das Gefühl hatten, dass wir es versuchen können.
Dann ging ich.
Erst ganz kurz.
Und kam wieder.
Später wurde daraus ein bisschen länger.
Und irgendwann noch ein bisschen länger.
Es war kein gerader Weg und sicher auch keine Bilderbuch-Eingewöhnung, bei der nach exakt X Tagen alles erledigt war.
Aber darum ging es überhaupt nicht.
Sie musste nicht möglichst schnell funktionieren.
Sie musste lernen:
Mama geht – und Mama kommt wieder. Und während sie weg ist, bin ich hier trotzdem sicher.
Das ist ein riesiger Unterschied.
Was ich dabei übrigens auch gelernt habe: Nicht nur das Kind muss Vertrauen bekommen
Nach unserer ersten Erfahrung war auch ich nicht mehr dieselbe Mama, die beim ersten Versuch noch dachte: „Die Fachkräfte werden schon wissen, was sie tun.“
Ich hatte Angst davor, dass wir wieder an denselben Punkt kommen.
Und genau deshalb hat es mir so gutgetan, dass ich dieses Mal einbezogen wurde.
Meine Wahrnehmung wurde nicht als störend empfunden. Wenn ich sagte, dass ich das Gefühl hatte, unsere Tochter sei heute noch nicht bereit für den nächsten Schritt, wurde darüber gesprochen.
Wir haben gemeinsam entschieden.
Und irgendwann konnte auch ich wieder loslassen.
Ich glaube nämlich, dass man diesen Teil bei Eingewöhnungen manchmal vergisst.
Da soll nicht nur ein kleines Kind Vertrauen zu völlig fremden Menschen aufbauen.
Auch Mama oder Papa sollen plötzlich einen der wichtigsten Menschen ihres Lebens dort lassen und gehen.
Natürlich müssen auch wir lernen, loszulassen.
Aber Vertrauen lässt sich eben schlecht erzwingen.
Bei Kindern genauso wenig wie bei Eltern.
Wenn ich heute unsere beiden Kindergartenstarts miteinander vergleiche …
… dann denke ich nicht zuerst an Montessori oder Corona oder daran, dass unsere Tochter beim zweiten Versuch ein Jahr älter war.
Natürlich hat all das eine Rolle gespielt.
Aber der größte Unterschied war für mich etwas anderes.
Beim ersten Versuch hatte ich irgendwann das Gefühl:
Das Ziel ist, dass Mama möglichst schnell weg ist.
Beim zweiten war das Ziel:
Das Kind soll sich hier sicher fühlen – damit Mama irgendwann gehen kann.
Und genau so würde ich es heute immer wieder machen.
Ich würde nicht mehr fragen:
„Wann schafft mein Kind endlich die Trennung?“
Sondern:
„Was fehlt meinem Kind noch, damit es sich ohne mich sicher fühlen kann?“
Vielleicht braucht es mehr Zeit.
Vielleicht eine feste Bezugsperson.
Vielleicht muss Mama noch eine Weile mit im Raum sitzen.
Vielleicht braucht es jeden Morgen dasselbe kleine Abschiedsritual.
Und vielleicht ist ein Kind mit drei einfach noch nicht so weit und ein Jahr später sieht die Welt schon ganz anders aus.
Unsere Tochter hat die Eingewöhnung beim zweiten Mal geschafft.
Nicht, weil sie irgendwann verstanden hatte, dass Schreien nichts bringt und Mama sowieso geht.
Sondern weil sie irgendwann keinen Grund mehr hatte, panisch nach mir zu rufen.
Sie wusste inzwischen, wo sie war, sie kannte die Abläufe, ihre Erzieherin und Sie wusste, dass ich wiederkomme.
Und irgendwann war dieser Kindergarten nicht mehr der fremde Ort, an dem Mama sie zurücklässt.
Er war auch ein bisschen ihr Ort geworden. ♡



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